Aus dem Leben einer Mutter im Süden

Kolumne: Morgens siehst du aus wie ein toter Clown!

Wenn Jugendliche Sachen finden…

„Guck mal, was wir in der U-Bahn gefunden haben!“ rief mir mein Sohn, als er 15 war, von Weitem zu. Dann zeigt er mir fröhlich ein paar Apple AirPods (Kopfhörer ohne Kabel) in seiner Hand.

„Wie, gefunden?“ Frage ich irritiert. Naja, die lagen in der U-Bahn auf dem Boden und da haben wir sie mitgenommen.

Wir, das waren Leo und 3 Freunde, die hocherfreut sind über diesen wertvollen Fund. Sie haben bereits abgemacht, die Beute zu verkaufen und den Erlös davon zu teilen.

Wir wollen die AirPods, die wir gefunden haben, behalten!

Ich habe direkt daran gedacht, dass mein Sohn bereits 2 Mal sein Portemonnaie in der U-Bahn verloren hatte. Jedes Mal hatte er das große Glück, es ohne Geld, aber mit Papieren beim Fundbüro wiederzubekommen. Es gibt ein spezielles Fundbüro nur für Dinge, die in Bus und Bahn verloren werden. Wir waren da schon oft.

„Habt ihr an die Person gedacht, die jetzt ihre AirPods sucht? Vielleicht eine Jugendliche wie ihr?“

„Oh nee Mama, jetzt nerv nicht rum, wir haben uns schon so gefreut. Ich kann jetzt nicht den anderen sagen, dass wir die zurückgeben, kannst du das nicht verstehen?“

„Ja, ich kann das verstehen, aber ich finde es trotzdem nicht gut.“

Da mein Sohn damals erst 15 war, rief ich eine der anderen Mütter an, um mit ihr zu besprechen, was eine gute Haltung zu der ganzen Sache sein könnte. Sie hatte von ihrem Sohn noch nichts gehört von dem Fund. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der klaren Ansage, „das Ding muss zurückgebracht werden“ oder mich rauszuhalten.

Im Gespräch mit ihr fällt uns eine gute Zwischenlösung ein: Ich bitte Leo, mit seinen Freunden über das moralische Dilemma zu reden. Darüber, dass jemand wie sie diesen AirPod jetzt vermisst und dass diese Dinger richtig teuer sind. Ich rede mit Leo und er verspricht mir, dass sie, bevor sie irgendetwas unternehmen, erst nochmal miteinander reden werden.

Geld auf der Straße finden

Mir fällt ein, dass ich einmal 20 Euro auf der Straße gefunden habe. Mit denen bin ich auch nicht aufs Fundbüro gegangen, sondern habe sie ganz schnell ausgegeben. So als würde es moralisch ok sein, ab dem Moment, wo der 20-Euro-Schein nicht mehr in meinem Portemonnaie ist.

Ich kenne einen netten Verleger, bei dem ich anfangs dachte, dass er vom Pech verfolgt wird. Als wir einen ersten Termin hatten, musste er diesen mehrmals verschieben. Einmal sagte er mit leiser, trauriger Stimme am Telefon „Stefanie, es tut mir echt leid, aber mein Hund ist gestern gestorben und ich kann leider nicht zu unserem Termin kommen“. Wir legten einen neuen Termin fest. Am morgen unseres Treffens bekomme ich einen Anruf: „Guten Morgen, ich bin 20 km vor Barcelona und mein Motorrad streikt. Ich werde gerade abgeschleppt und werde es nicht zu unserem Termin schaffen.

Unser dritter Termin war auf einer kleineren Buchmesse in Barcelona. Diesmal hatte er es geschafft, zu kommen. Als wir auf dem Weg ins Café über den Platz schlenderten, segelte vom Himmel ein 50 Euroschein direkt vor seine Füße. „Oh, sagte er und steckte erfreut das Geld ein.“ In diesem Moment wusste ich, diesem Mann passieren dauernd extreme Dinge, mal doofe und mal tolle und er nimmt alles mit der gleichen Gelassenheit hin.

Wo sind die Grenzen der mütterlichen Einmischung?

Mein Sohn hat schließlich mit seinen Freunden geredet und sie waren zu dem Schluss gekommen, bei ihrer Ursprungsentscheidung zu bleiben. Immerhin hatten sie es besprochen. In den Secondhandläden, wo man diese Dinge verkaufen kann, wollte allerdings niemand ihre AirPods kaufen, da diese eine Erkennungsnummer haben. Das bedeutet, es ist für den Besitzer oder die Besitzerin ganz einfach ihren AirPod wiederzuerkennen. Man kann also sehr schnell in den Verdacht kommen, diese gestohlen zu haben, um sie dann zu verkaufen.

An dieser Stelle habe ich nochmal sehr deutlich zu Leo gesagt, dass sie sich bitte innerhalb der legalen Regeln unserer Gesellschaft bewegen sollen. Was weiter mit diesem AirPod passiert ist, weiß ich nicht. Ich glaube, ich will es auch nicht wirklich wissen. Ich meine zu erinnern, dass ein Vater ihnen diesen für ein paar Euro abgekauft hat, und alle waren glücklich. War das eine pädagogisch wertvolle Entscheidung dieses Vaters? Ich denke nicht, er wollte einfach nur für wenig Geld einen Apple AirPod. Meine Frage bei dem Ganzen war, wo mische ich mich ein und wo höre ich auf mich einzumischen. Eine Frage, die ich mir ständig stelle. Hier war es vermutlich auch wieder gut, daran zu denken, dass Jugendliche ein Recht darauf haben, Fehler zu machen und vielleicht auch ein bisschen von diesen zu lernen.

Empathie ist im Moment nicht wirklich vorhanden bei meinem Sohn, aber ich weiß, irgendwann ist sie wieder da. Wieso denke ich denn eigentlich, wenn ich Geld finde, darf ich es behalten? Meine Schwester hat einmal richtig viel Geld gefunden und es ins Fundbüro gebracht! Verrückterweise hat das Fundbüro sich nach der Abholfrist bei ihr gemeldet und dann durfte sie das Geld behalten! So etwas passiert nur in Deutschland, oder in Schweden oder Dänemark vielleicht. Geld zurückgeben, was man findet? Kein einziger Beamter nimmt sich ein bisschen davon? Unglaublich!

Viagra gefunden!

Vor Kurzem kamen meine Eltern zu Besuch und wir waren mit meinem Sohn ein paar Tage an der Küste in einem Hotel. Leo und ich teilten uns ein Doppelzimmer. Mit Schwung schmiss er abends seine Hose über den Stuhl und ich sehe, dass etwas herausfällt. Als ich näher hinschaue, sehe ich blaue Tabletten auf dem Boden liegen. Ist es das, was ich vermute??? Oh mein Gott, es sind Viagratabletten! Was um Himmels willen macht mein 17-jähriger Sohn mit Viagra? Leo hatte noch nicht bemerkt, dass ihm etwas aus der Hose gefallen ist und ich bin so geschockt, dass mir die Worte fehlen:

„Sag mal Leo, was um Himmels willen ist das denn? Nimmst du Viagra???“ stottere ich.

Leo fängt an laut zu lachen und ich sehe keinerlei Anzeichen von Schuldgefühlen oder Peinlichkeit bei ihm.

„Mama, meine Freunde und ich haben einen Rucksack gefunden und da war das drin und wir haben es mitgenommen. Natürlich nehme ich kein Viagra, aber wir fanden das lustig!“

Was das Viagra angeht bin ich erleichtert, aber…

„Leo, ist dir klar, dass ein Rucksack, der irgendwo in der Stadt mit Sachen drin rumliegt, meist vorher geklaut und dann weggeworfen wurde? Wenn euch die Polizei sieht, wie ihr Dinge aus einem Rucksack mitnehmt, werden die denken, ihr habt den geklaut!“

„Ach Mama, reg dich nicht so auf, ist doch nix passiert!“

Tja, das stimmt auch wieder. Es ist nichts Schlimmes passiert und irgendwie haben die Jungs mal wieder großes Glück gehabt. Bevor ich mehr darüber nachdenken kann, warum mein Sohn die Viagratabletten weiterhin mit sich rumträgt, gehe ich ein bisschen am Meer spazieren. Vielleicht finde ich ein paar schöne Muscheln, bei denen ich nicht darüber nachdenken werde, ob sie vielleicht jemandem anderen gehören.

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