Aus dem Leben einer Mutter im Süden

Pfeilsenderstories

Ein ungewollter Gast

Ist es euch schon einmal passiert, dass ihr plötzlich einen Mitbewohner hattet, den ihr euch gar nicht ausgesucht habt? Dass sich jemand in eure Wohnung einnistet und einfach nicht mehr geht? Ich rede jetzt nicht von Partnern oder Partnerinnen und hoffe, dass sich die meisten von uns den Schritt, zusammen zu wohnen selber ausgesucht haben. Ich rede von Menschen, die eigentlich nur ein paar Tage bei uns zu Besuch sind und einfach nicht mehr weggehen.

„Parasite“, ein großartiger Film!

Zu dem Thema fällt mir der südkoreanische Spielfim von Joon-ho aus dem Jahr 2019 mit dem Titel „Parasite“ ein. Der Film handelt von einer Familie, die sich nach und nach im Haus einer sehr wohlhabenden Familie als Hausangestellte inkognito „einnisten“. Im Laufe der Geschichte eröffnen sich Welten und Unterwelten von noch mehr Menschen, die unbemerkt in diesem riesigen Haus leben. Ich werde hier nicht spoilern, nur so viel: ich fand den Film großartig!

Spanische und deutsche Wohngemeinschaften

Es war in der Zeit, als ich noch mit Luis in Barcelona eine große Wohnung im Eixample teilte. Die Wohnung hatte mehrere kleine Schlafzimmer an einen langen Flur gereiht. An der einen Seite dieses Flures gab es ein riesiges Wohnzimmer und an der anderen zwei geräumige Arbeitszimmer. Ich war in der Zeit von meinen studentischen Wohngemeinschaften in Deutschland gewohnt, dass wir uns Wohnungen teilten, die möglichst große, helle Zimmer hatten. Jede Mitbewohnerin bewohnte eines davon und das einzige Gemeinschaftszimmer außer des Bades war die Küche. Selbst wenn die Küche sehr klein war und kaum zwei Stühle hineinpassten, war dies der soziale Treffpunkt der WG.

Hier in Barcelona habe ich ein anderes System kennengelernt in den Wohngemeinschaften; Die Schlafzimmer, oft nur kleine dunkle Kammern, waren individuell verteilt und die wichtigen Räume waren die Gemeinschaftsräume. Das sind oft sehr große und helle Wohnzimmer mit Sofas und Sesseln, Fernseher und einem Tisch und Stühlen für alle Mitbewohnerinnen und deren Besucherinnen. Ich glaube nicht, dass dies nur an baulichen Begebenheiten lag. Ich glaube, dass es mit der Art des Zusammenlebens zu tun hatte. Der deutsche Individualismus versus der spanische Sinn für Gemeinschaft.

Im Wohnzimmer findet hier das Leben statt und wenn Besuch kommt, wird auch das gerne mit allen geteilt. Damals in Deutschland ging ich mit meinem Besuch in mein Zimmer. Mit meinen Mitbewohnerinnen traf ich mich sehr gerne in der Küche, aber wenn ich wollte, konnte ich mich immer auf mein Zimmer zurückziehen.

Ich glaube, rückblickend kann ich beiden Wohngemeinschaftssystemen viel abgewinnen. Zu zweit Wohnen mit Luis, das tägliche Kochen und gemeinsame Essen fand ich toll und auch in dem großen Wohnzimmer fühlte ich mich sehr wohl. Mein Rückzugsraum war allerdings sehr dunkel und klein, dazu noch laut, weil ich einen alten Fahrstuhl direkt vor dem Fenster hatte. Ein Außenfenster beim Schlafen zu haben war das, was ich damals am meisten vermisst habe.

Vermutlich bin ich also der Typ: großes, schönes und helles Wohn- und Gemeinschaftszimmer kombiniert mit einem hellen und attraktiven Schlafzimmer für meinen Rückzug!

Eine verheerende Entscheidung

Zurück zu meiner Geschichte: Luis und ich wohnten bereits eine Zeit lang zusammen als eine Freundin, ihn um einen Gefallen bat. Sie hatte sich gerade von ihrem Freund, Josue getrennt und wusste, dass Luis in einer großen Wohnung wohnte. Ihr Anliegen war, ihren Exfreund ein paar Tage bei uns unterzubringen, damit er in Ruhe eine Wohnung suchen kann. Vermutlich auch, ihn möglichst schnell los zu sein, denke ich inzwischen, aber diese Information hatten wir zu der Zeit noch nicht.

Luis sagte zu, ohne mich zu fragen. Die Wohnung war von ihm gemietet, also vertraute ich darauf, dass er wusste, was er tat. Wir hatten diesen Josue allerdings noch nie zuvor gesehen und wir waren gespannt. Da die Absprache war, dass er maximal ein bis zwei Wochen bei uns wohnt, habe ich mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht.

Luis geht nach London

Ach ja, ich vergaß zu erzählen, dass mein Mitbewohner gerade kurz davor war, für mehr als zwei Monate nach London zu gehen. In dieser Zeit kam im Austausch Margarida eine Portugiesin, die in London lebte. Margarida war ein absoluter Glückstreffer, wir verstanden uns prima und hatten sehr viel Spaß miteinander. Bei der Schlüsselübergabe mit Josue war Luís mit dabei und wenige Tage später war er weg. So wurde Josue zu meinem neuen vorübergehenden Mitbewohner.

Er war, wie ich schnell merkte, nicht der kommunikativste Mensch. Nie wusste ich, wann er kommt oder wann er geht. Luis war inzwischen abgereist und ich wohnte erstmal alleine. Das alleine Wohnen war allerdings nicht wirklich alleine, denn zu jeder Tag- und Nachtzeit konnte sich der Schlüssel im Schloss drehen und Josue war da. Wenn er kam, rief er kein „Hallo, ich bin hier!“ in die Wohnung, sondern er ging direkt in sein Schlafzimmer und kam nur heraus, wenn er das Bad benutzen musste.

So wie er kam, ging er auch, ohne ein Wort.

Der gespenstische Mitbewohner

Manchmal kam er jeden Tag und manchmal kam er drei Tage lang nicht und war dann plötzlich wieder da. Ich fühlte mich sehr unwohl und hätte mir gewünscht, wenigstens zu wissen, wann er bei uns übernachtet und wann er wegbleibt. Mit ihm zu reden war unmöglich, er wich mir stetig aus.

„Ok“, dachte ich, „14 Tage komme ich schon klar mit diesem Gespenst eines Mitbewohners.“ Zwei Wochen vergingen und Josue kam und ging weiterhin ohne ein Wort. Ich fragte ihn, wie denn die Wohnungssuche so verliefe und wann er vorhabe zu gehen. Josue wich meinen Fragen aus. Schließlich bat ich Luis, sich aus der Ferne darum zu kümmern, und er versuchte Grenzen zu setzen. Wieder verlängerten wir die Frist Josues auszuziehen, inzwischen wohnte er bereits einen Monat mit mir, ohne auch nur einen Cent (damals Peseten) Miete zu bezahlen. Margarida und ich fühlten uns sehr unwohl mit diesem gespenstischen Mitbewohner, der mitten in der Nacht auftauchte, um dann wieder genauso plötzlich zu verschwinden. Oft waren wir in der Wohnung und hatten keine Ahnung, ob er gerade in seinem Zimmer war, oder nicht.

Die Frist vergeht, der Gast bleibt

Endlich kam der Tag des endgültigen Auszugs: Josue kam mit einem Halstuch aus seinem Zimmer und mit leiser gebrochener Stimme sagte er mir, er hätte eine schwere Halsentzündung und er könne auf keinen Fall heute ausziehen. „Oh je“, dachte ich, „der Arme! Gerade von der Freundin verlassen und jetzt auch noch schlimm krank.“ Mein Mitgefühl war auf seiner Seite und ich wurde weich und nachsichtig. Es vergingen Tage und Wochen bis Josue endlich genesen war. Zwei Monate wohnte er nun bei uns und so langsam begriff ich: Er hatte überhaupt nicht vor, dieses bequeme Nest wieder zu verlassen! Luis Freundin hatte uns einen Parasiten in die Wohnung gesetzt, der hier nicht wieder freiwillig gehen würde.

Jede neue Frist unsere Wohnung zu verlassen umging er, indem er sich Krankheiten ausdachte oder andere Situationen, die mein Mitgefühl weckten. Nach drei Monaten, 23 imaginären Krankheiten und weiteren 78 absurden Ausreden war ich endlich so weit: Ich wollte diesen unfreundlichen Mann, der nichts Positives in unsere Wohngemeinschaft einbrachte, und immer noch keine Miete bezahlte, nicht mehr in meiner Nähe haben. Luis war inzwischen wieder da und wir verabredeten, bei der nächsten Frist hart zu bleiben und ihn um die Wohnungsschlüssel zu bitten. Selbst wenn er sagt, draußen tobe ein Tsunami oder er könne plötzlich nicht mehr laufen, denn er habe sich am Vorabend im Schlaf beide Füße verstaucht. Ich stellte mich mental darauf ein, nicht wieder in die Mitgefühlsfalle zu geraten.

Ich schmuggel euch Drogen in die Wohnung!

Dann die Schlußszene: Dankbarkeit ist das Gefühl, was ich bei jemandem erwarten würde, der 3 Monate gratis zu Gast in einer Wohngemeinschaft war. Josue war nicht dankbar, er war wütend, sehr, sehr wütend auf uns. Er hatte, woher auch immer, das Gefühl, ein Recht zu haben, weiter bei uns umsonst zu wohnen.

Luis, Margarida und ich standen mit ihm in unserem großen Wohnzimmer und ich bat ihn, uns wie verabredet die Wohnungsschlüssel zu geben und zu gehen. Erst sagte er, er ginge nicht. Als wir sehr deutlich wurden, sagte er:

„Ok ich gehe, aber ich nehme die Haustürschlüssel mit.“

Ich stellte mich vor ihn und versuchte, so groß wie möglich zu erscheinen, er war immer noch einen Kopf größer.

„Du gehst hier nicht raus, bevor du mir die Haustürschlüssel gibst!“,

hörte ich mich sagen und war selber beeindruckt von dieser Aussage.

Voller Hass schob er mich zur Seite, ging mitsamt dem Wohnungsschlüssel und rief uns zu:

„Ich werde euch Drogen in die Wohnung schmuggeln und euch dann die Polizei auf den Hals schicken, ich werde euch das Leben zur Hölle machen!“

Später erzählte mir Luis, dass er ihm vorher bereits gedroht habe, uns bei dem Wohnungsbesitzer schlecht zu machen, indem er behauptete, wir würden illegal untervermieten.

Mit einem Knall fiel die Haustür ins Schloss. Zurück blieben wir mit einem Gefühl von Erleichterung und der Angst, er könne eine seiner absurden Drohungen wahrmachen. Ich habe schließlich darauf gedrängt, das Schloss auszuwechseln. Weitere 300 Euros für ein Sicherheitsschloss, danke Josue!

Große Gastfreundschaft hat nicht immer große Dankbarkeit als Folge

Es gibt keinerlei direkte Verbindung zwischen dem Gefühl, jemanden einen sehr, sehr großen Gefallen zu tun und dem Gefühl der Dankbarkeit auf der anderen Seite. Ich vermute die angestaute Aggression Josues hatte nicht wirklich mit uns oder mir zu tun. Eine verrückte Erfahrung war es jedenfalls für mich in jungen Jahren und eine echte Herausforderung sich so vehement durchsetzen zu müssen. Zum Glück endet meine Geschichte nicht wie der Film „Parasite“, aber es gibt doch vieles, was mich daran erinnert hat. Ich hoffe, ich bin trotz der Erfahrung großzügig und gastfreundlich geblieben. Trotzdem würde ich heute etwas genauer schauen, wen ich in mein Haus einlade. Mein Mitgefühl wäre vermutlich auch wesentlich schneller verbraucht, oder besser gesagt, ich hätte einfach auch mehr Mitgefühl mit mir.

Josue hat uns keine Drogen in die Wohnung geschmuggelt und wir haben auch sonst nie wieder von ihm gehört. Im darauffolgenden Jahr stand ich einmal mit ihm in der Schlange bei der Post und wir haben beide so getan, als würden wir uns nicht kennen. Ich denke, das war eine gute Entscheidung.

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