Aus dem Leben einer Mutter im Süden

Pfeilsenderstories

Hape Kerkeling und das Wunder der diamantenen Hochzeit meiner Eltern

Die Blumen stehen noch auf dem Tisch und meine Eltern sind leider wieder abgereist. Sie waren ein paar Tage hier, und wir hatten die große Freude, ihre diamantene Hochzeit am Strand in Sitges zusammen zu feiern. Diamantene Hochzeit, das sind genau 60 Jahre und mir ist es einfach unvorstellbar wie man es so lange schaffen kann, als Paar zusammenzubleiben! In ihren frühen 20ern geheiratet, kennengelernt beim Tanzen. Mein Opa sagte früher immer zu seinen Töchtern:

“Schickt die Kerle erstmal weg, wenn sie euch heiraten wollen und der, der drei Mal wiederkommt, der ist der richtige!”

So sind dann wohl meine Eltern zusammengekommen. Wenn ich über diesen Spruch nachdenke, vermute ich, dass auf jeden Fall einer übrigbleibt, der weiß, was er will. Einer mit Ausdauer. Nicht der Sensible, der bei der ersten Ablehnung heimlich zu Hause weiter seine Verse schreibt an seine große Liebe, die nie wieder einen davon lesen wird. Hätte meine Mutter diesen Spruch zu wörtlich genommen, hätte sie aber vielleicht auch an einen sehr penetranten, unsensiblen Mann geraten können.

Ich glaube mein Vater ist tatsächlich einer mit Ausdauer, der am Ball bleibt. Ein Fels in der Brandung, was nicht unsensibel heißen muss. Und ja, er ist wiedergekommen, als sie ihn erstmal weggeschickt hat. Aber wer weiß, ob da nicht auch ein bisschen Koketterie mit im Spiel war bei ihr? Sie hatte auf jeden Fall genug eigenen Willen, um trotz des Spruchs ihres Vaters, selber zu wissen, wem sie die Tür zu ihrem Herzen öffnet.

Ich will hier nicht zu sehr in Details meiner elterlichen Beziehung einsteigen, das wäre den beiden vielleicht auch gar nicht recht. Nur ein paar Eckdaten, die so viele Eltern meiner Generation teilen:

Die ersten Jahre meiner Eltern

Blutjung geheiratet, dann haben sie sehr bald 3 Töchter bekommen und nebenbei das tägliche Überleben mit wenig Geld bewältigt. Mein Vater hat als Alleinverdiener, als wir klein waren, meist sehr viel gearbeitet, meine Mutter blieb bei uns Kindern und ich denke das war für beide oft, sehr, sehr anstrengend. Als wir ein bisschen größer waren, hat meine Mutter wieder außer Haus gearbeitet. Das war in den frühen 80er Jahren, wo die Frauen noch eine Erlaubnis des Ehemannes brauchten, um arbeiten zu dürfen!

Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern trotz wenig Geld immer mit uns in Urlaub fuhren, im alten Audi, in dem wir Kinder hinten schliefen. Eine auf der Hutablage, eine auf der Sitzbank, eine im Beinbereich. Sie waren in meinen Augen immer sehr unternehmungslustig und sportlich. Immer gab es Sportwettkämpfe am Wochenende und zu Hause wurde viel gespielt. Alles immer mit dem Pfeilschen Gewinnerehrgeiz. Es war immer laut und entweder wurde laut gelacht oder laut gestritten. Türen wurden geknallt bei diesen Streits und manchmal war es mir als Kind unangenehm, was die Nachbarn wohl denken.

Vielleicht wurde damals schon der Stein dafür gelegt, dass ich mich im Süden Europas so wohl fühle, ein bisschen wie zu Hause.

Die Kinder werden groß, Enkel geboren

Dann kam die Zeit, wo wir Kinder nacheinander ausgezogen sind und es wurde leiser bei uns zu Hause. Keine Geldknappheit mehr, ein eigenes Häuschen und neben dem Beruf immer das gemeinsame Hobby: der Sport. Enkel wurden geboren und meine Eltern waren so jugendlich, engagierte Großeltern, dass man sie manchmal auch für die Eltern ihrer Enkel hielt. Mit 48 Jahren Oma werden, unglaublich für mich. Inzwischen gibt es Enkel in meiner Familie, die selber aus ihrem Elternhaus ausgezogen sind und meine Eltern können auf ein unglaublich reiches und langes Leben zurückblicken. Ich vermute, so mancher Lebenswunsch ist auf der Strecke geblieben bei beiden, wie bei den meisten von uns.

Es gab Höhen und Tiefen bei meinen Eltern im Laufe dieser 60 langen Jahre. Jetzt schaue ich auf ein Foto, das vor den roten Freesien steht: Es zeigt meine Eltern am Tag ihrer Verlobung. Beide mit einem verliebten Lächeln im Gesicht, einander zugewandt und verbunden. Ich bin voller Hochachtung für den Weg, den sie gemeinsam gegangen sind! Und egal, wie viele Holpersteine ihnen im Weg lagen, sie haben diese Familienkutsche irgendwie dadurch gelotst. Ein Grund zum Feiern!

Meine Ausdauer: Immerhin 10 Jahre

Ich habe es immerhin auf 10 Jahre verheiratet geschafft, oder vielleicht auch nur 9? 10 Jahre Beziehung auf jeden Fall mit einem rauschenden Hochzeitsfest in einem alten Landhaus in den Bergen bei Barcelona. Ein ganzes Wochenende feierten Freunde und Familie aus 7 Ländern eingereist. Schon alleine dafür hat es sich gelohnt zu heiraten! Auch in 10 Jahren habe ich Höhen und Tiefen erlebt und mein Sohn ist geboren in dieser Zeit, also war alles in allem richtig gut. Manchmal hat die Liebe ihre eigene Zeit und genau wie sie kommt, geht sie wieder.

Jetzt bin ich in der Mitte des Lebens angelangt und werde es kaum mehr schaffen, meine diamantene Hochzeit mit einem Partner gemeinsam zu feiern. Eigentlich ungerecht, dass nicht die Jahre von den ersten Verheiratungen einfach dazu gezählt werden und dann mit den Jahren alter Beziehungen des Partners addiert. Im Moment halte ich es für relativ unwahrscheinlich, dass ich nochmal heirate, aber wer weiß das schon.

Über die Beziehungsausdauer meiner Generation

Hat unsere Generation weniger Ausdauer? Geboren mit der Idee der unendlichen Möglichkeiten, immer am Schauen, was es vielleicht noch besseres gibt für uns? Sind wir schneller im Aufgeben und ziehen es vor, alleine zu sein, anstatt eine Krise von vorne bis hinten mit einem Partner durchzustehen? Ich vermute, vieles davon trifft auf mich zu.

Ich sehe allerdings auch die Chancen für unsere Generation: Wir haben den großen Luxus, uns unsere Art Leben zu wollen aussuchen zu können und müssen nicht in einer Beziehung bleiben, die uns nicht guttut. Alleine zu Leben hat durchaus auch Vorteile. Ich habe beides erlebt und ich denke es gibt Lebensphasen, wo ich es genossen habe, in Beziehung zu leben und andere, in denen ich mein Singledasein gar nicht so schlecht fand. Bei mir und meinen Freunden sehe ich eine Tendenz: die Singles sehnen sich nach Beziehung und die Freunde, die in partnerschaftlichen Beziehungen stecken, idealisieren das Leben der Singles.

Sobald ich von meinem Singledasein allerdings in die Nähe des ersehnten Beziehungsterrains komme, ertappe ich mich dabei, wie ich tief durchatme und denke:

Oje, stimmt ja, das gehörte ja auch alles dazu, buf wie anstrengend!

Das gesamte Paket annehmen mit den wunderbaren Zweisamkeiten, die das Leben auf jeden Fall schöner machen und dem Rest, der vielleicht auch nervt ist auch nicht leicht.

Die Herausforderung für mich wäre es, ein Gleichgewicht zu finden in einer Beziehung, Schönes und Blödes ungefähr ausgeglichen.

Das ganze Leben ist ein Quiz…

Klingt nicht so richtig attraktiv, aber je älter ich werde kann ich dem Ganzen wieder mehr abgewinnen. Vielleicht reicht es mir auch, einfach im hier und jetzt zu sein, das Leben zu genießen, mit all seinen Höhen und Tiefen, mal mit Partner, mal ohne. Ich habe großen Respekt vor allen möglichen Lebensformen, für die sich jemand entscheidet. Vermutlich sind die meisten davon nicht durchgehend gut und auch nicht nur immer ungut.

Aber bevor ich jetzt noch weiter ins bedeutungslose Schwafeln komme, wünsche ich euch allen viel Glück, was auch immer eure ganz persönliche aktuelle Beziehungssituation sein mag. Leise summe ich “Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten…” von Hape Kerkeling vor mich hin. Ein großer Dank geht hier an meine Eltern, diese beiden Kandidaten, die das Quiz des Lebens mit viel Liebe, Ausdauer und Geduld gespielt haben. Ohne sie würde ich jetzt hier nicht sitzen und mich an ihren unglaublich langanhaltend schönen Blumen erfreuen.

  1. Frieda

    Liebe Steffi, Du hast es getroffen. Das Leben ist ein Spiel mit vielen Überraschungen. Zufriedenheit ist das wichtigste. Das Glück kommt dann von ganz allein. Es war wieder mal eine Freude Deine Geschichte zu lesen.

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